Mein Name ist ein…Missverständnis

Diese Geschichte ist in dem Literaturmagazin Asphaltspuren, Ausgabe 12, ISSN 1610-773X erschienen. Siehe hier: http://asp.leseattacke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=124:aso12&catid=34:printausgaben&Itemid=54

Ich habe mich sehr gefreut, vor allem, weil ich meine wütende Geschichte nach der Deadline für das Thema eingereicht hatte und einer der Redakteure umgehend anrief und noch für diese Ausgabe zusagte. Jürgen Olejok  fand die Geschichte, glaube ich, ziemlich gut, schließlich wurde ich zur Lesung nach Düsseldorf eingeladen, wo ich sie dann rasenden Herzens im Finnland-Haus vortrug. Siehe hier: http://asp.leseattacke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=126%3Aasplesung2009&catid=35%3Alesungen&Itemid=30

Ein Häppchen gefällig:

Mein Name ist Christian Kühl, was kann ich für Sie tun?

Wo früher romantische Rauchsäulen aus Fabrikschloten Zeichen der Arbeit in den Himmel schrieben und ein Arbeiter, eine Arbeiterin seine oder ihre Körperkraft und sein oder ihr Geschick an den Besitzer der Fabrik verkauften, werden nun Bits und Bytes unterirdisch durch Glasfaserkabel kilometerweit durch den Boden gejagt. Callcenter nennen sich die neuen Produktionslegebatterien im traditionellen Ausbeutergewand. Und bezeichnenderweise besiedeln gerade renommierte Unternehmen mit ihrer Kundenserviceabteilung die alten kapitalen Trutzburgen. Aus Sicherheitsgründen ohne Schornsteine, dafür aber mit altem Fabrikkern im Innern.

Headset an Headset faseln die Ausgebeuteten Phrasen in die Erde. Brüten unter Bürostrahlern, essen heimlich unter dem Tisch, starren auf flimmernde Flachbildschirme und nehmen Daten auf oder ändern sie.

Kleine mobile Grünpflanzenkästen sorgen für ein angenehmes Wohlbefinden bei den Angestellten. Am anderen Ende Kunden mit Fragen, Kunden in der Warteschleife, Kunden in Kommunikation mit einem Sprachportal.

Der sogenannte Call-Center-Agent sitzt mit anderen Agenten an einer gemeinsam begrünten und beleuchteten „Insel“, die eine erholsame Tätigkeit nur dem Namen nach verspricht. Drücke Negatives positiv aus, ist ein erster Leitsatz für alle Inselarbeiter. Schulungsordner werden quartalsweise mit neuen Sprachregelungen gefüllt und erinnern die Agenten während jeder Schicht an ihre Käfighaltung. „Meine Name ist…, was kann ich für sie tun?“, wird die Kommunikation per Telefon eröffnet und jener Satz schwillt unermesslich im Minutentakt aus zahlreichen Mündern geäußert zu einem Mantra an. Insel für Insel blökt ihn Stunde um Stunde wiederholend in die Glasfaserkabel dieser Welt und dieses Mantra klebt förmlich an den Fabrikhallendächern, schlechte Belüftung lässt den Satz an etlichen Winkeln der alten Hallen kondensieren, auf die Köpfe der Geknechteten tropfen, foltergleich, bis es in die Gehirne des Sprechblasengeflügels eingemeißelt wird.

„Haben sie eine freundliche Stimme? Suchen sie eine neue Herausforderung? Dann sind sie bei uns richtig!“, springen einen die zahlreichen Stellenangebotskästen in den Zeitungen an. Oft sind bis zu 30 Stellen in einem freundlichen Team zu vergeben. An Bewerbertagen werden die Neuankömmlinge durch die unübersichtlichen Refugien des Callcenters geführt. Firstlevel, Auftragsannahme, Outbound, Kundenrückgewinnung, Schadenabteilung, Beschwerdemanagement, die Arbeitsmarktssituation lässt sie enthusiastisch blicken, doch der Gestank der Sträflingsinseln, sowie die sinnentleerten Blicke der Headsethäftlinge lässt ihr Lächeln gefrieren. Telefoniere mit einem Lächeln. Festgefroren. Wo liegt der Fehler? Wie viele Fehler hat unser Zeichner in dem Bild versteckt? Wer kennt sie nicht, diese Spielchen. Es fängt beim Kunden an. In einer Brühe aus Erwartungshaltungen schwimmend verdickt sich sein Anspruch zum Zentrum eines ganzen Universums. Ich, tönt es laut. Das Echo in allen Gängen. Im Gehör. In den Glasfaserkabeln. ICH. Sie wollen, dass es alle wissen. ICH. Allein wollen alle dasselbe. Öffnen sich die Tore, strömen sie Leib an Leib, Anruf an Anruf hinein, Ellenbogen ausgefahren, die Welt ist feindlich, draußen ist feindlich. Freundlichkeit stürzt nach Sekunden, wird überrannt von allen anderen oder aus Erschöpfung von den Agenten erschossen.  Strauchelt sie, kommt gelegentlich hoch, hebt die Hand, den Mund zu einem Wort geöffnet.  Doch sie bleibt unerhört im Ich. Stellungskrieg. Der Kunde und sein Ich können kein Nein vertragen, der Kunde ist König. König für Sekunden im Glasfaserkönigreich ohne echte Hilfe, König der zu schluckenden Phrasen, König der falschen Angebote und Freundlichkeiten. Für 30 Sekunden, vielleicht auch für 45. Dann wird er penetrant, belastet die Statistik, erhöht die Masse in der Warteschleife. Freier Fall. Tonfalländerung. Die Vertreibung des Königs aus seinem Glasfaserreich. Der König ist tot, es lebe der neue Kunde.