Bis zum Hals

  „Bis zum Hals“ – Blätterwelt, Herausgeber Fabienne Siegmund, November 2010,ISSN 1867-3187; bestellbar für wenig Geld siehe hier: http://www.literra.info/magazine/mag_ausgabe.php?id=1026

Diese Geschichte ist während eines Storytelling-Seminars entstanden und erst dann verschriftlicht worden. Die Idee dazu hatte ich während einer Radio-Nachricht, in der es um zwei vermisste Wattläufer ging. Beim Erzählen der Geschichte hatte ich an einigen Stellen einen Kloß im Hals, weil mich die Nachricht damals doch sehr mitgenommen hat.

Ein paar Zeilen zum Schnuppern:

“18. November 2010, 15:38 Uhr, Seenotleitung Bremen. Dichter Nebel.

Thorben goss sich Kaffee aus seiner Thermoskanne nach. Seine Füße lagen auf seinem Schreibtisch. Pause. Heute Nebel würde  der Wettervorhersage nach im gesamten Küstenbereich aufziehen. Aber es waren kaum Schiffe unterwegs. Es würde ruhig werden. Der November war immer ein ruhiger Monat gewesen. Keine Feriengäste auf den Halligen, die Herbststürme hatten sie hinter sich gelassen, und viele Kollegen bummelten ihre Überstunden ab oder fuhren in den Urlaub. Er liebte den November. Und auch den Nebel.

Um 15:46 bekam er einen klingelte das Telefon neben ihm. Der Anruf wurde durch die Rettungsleitstelle Land über die 112 vermittelt. Ein Notfall. Thorben nahm seine Füße vom Tisch, setzte sich aufrecht hin und nahm währenddessen das Gespräch entgegen. Ein verirrter Wattwanderer. Gestartet vom Harlinger Siel. Thorben ließ sich das Gespräch durchstellen.

„Thorben Tänzer von der Seenotleitung Bremen. Wie kann ich helfen?“

Lautes Atmen. Schritte im Wasser.

„Hallo? Hallo, hören sie mich?“

„Ja, ich kann sie gut verstehen. Mein Name ist Thorben Tänzer von der Seenotleitung Bremen. Wie kann ich ihnen helfen?“, wiederholte er seine Frage.

„Ich bin Jakob Springer. Ich bin mit meiner Tochter im Watt unterwegs.“ Lautes Atmen. “Da kam Nebel auf und wir wollten umkehren. Jetzt weiß ich aber nicht mehr, wo wir sind. Und die Flut kommt. Hören sie?“

„Ja, ich kann sie gut verstehen.“

„Und mein Handy hat nur manchmal Empfang und der Akku ist fast leer.“

Eine minimale Pause, Thorben hatte sich seine Antwort zurecht gelegt.

„Bitte.“, flehte Jakob.

Thorben nickte. Hatte sich Notizen auf einen Zettel geschrieben.

„Herr Springer, hören sie mir jetzt gut zu. Ich habe ihre Nummer notiert und ich werde sie gleich zurückrufen. Dann haben sie meine Nummer und können mich direkt anrufen. Ich werde jetzt unseren Seenotkreuzer über ihre Lage informieren. Die sind in der Nähe. Versuchen sie bis dahin ihren Fußspuren zu folgen, soweit es geht. Haben sie verstanden?“

„Ja. Ja, eine gute Idee. Wir folgen unseren Spuren, Hörnchen. Komm wir suchen unsere Spuren.“ Thorben hörte eine Kinderstimme im Hintergrund.

„Dann muss ich wissen, von wo sie gestartet sind und wo sie hin wollten. Können sie etwas an der Küste erkennen? Landmarken? Größere Gebäude wie Kirchen vielleicht?“

„Nein. Nein, hier ist nur der verdammte Nebel. Ich kann gar nichts erkennen.“ Atmen. „Wir sind vom Harlinger Siel gestartet und wollten eigentlich nur ein wenig das Watt erkunden. Nichts weiter. Wir hatten kein Ziel.“

„Also vom Harlinger Siel und dorthin wollten sie auch wieder zurück?

„Ja, genau.“

„Wann sind Sie los gegangen?“

„Um zwei.“ – „Glaube ich, um halb zwei haben wir Pommes gegessen, dann sind wir los.“

„Gut, das hilft uns auf jeden Fall weiter.“

 „Ja, vielen Dank. Sie melden sich, ja? Oder wir, wenn etwas… passiert.“ Schritte, Schnaufen.

„Ja, genau.“, antwortete Thorben und wartete bis Jakob Springer das Gespräch beendete.

Thorben wählte das Handy des Wattwanderers an und stellte einen Kontakt zum Seenotkreuzer Panter Zwo her. Das Schiff nahm Kurs zur Küste auf. Der Kapitän und er vermuteten, dass Herr Springer sich nicht allzu weit von der Küste entfernt hatte.

Er fragte Luftunterstützung durch einen Helikopter an, jedoch war der Nebel für einen Start zu dicht geworden.

Zwischenzeitlich hatte er den genauen Tidenzeitpunkt für die Position ermittelt. Viel Zeit hatten sie nicht. Kollege Jansen stand hinter ihm und starrte gebannt auf die Monitore. Suchte mit ihm nach einer Lösung.

„Keine Helis?“, fragte er.

„Keine Helis.“

„Handyortung?“

„Starte ich jetzt.“

Er gab die Nummer des Verirrten an die Landesleitstellenzentrale. Über GPS ließ sich im Notfall der Ort eines Handys ziemlich genau bestimmen. Wenn nur der Nebel nicht wäre! Die Suche dauerte an. Es folgte das, was Thorben am meisten hasste: Warten.”