Danach

   „Danach“ – StoryCenter 2010, Herausgeber Michael Haitel, p.machinery, Dezember 2010, ISBN: 978-3-942533-13-3, siehe hier: http://blog.pmachinery.de/2010/12/15/neuerscheinung-story-center-2010/

Eine ausführliche Besprechung findet sich hier: http://ckuenne.wordpress.com/2011/12/16/unter-der-lupe-das-story-center-2010/

Diese Geschichte war sozusagen mein erster Ausflug in die weite Welt des SciFi-Universums und selbstverständlich fällt mir nichts besseres ein, als ein Endzeit-Szenario zu entwerfen, in dem es so etwas wie Zombies gibt… Aber mal im Ernst, für mich ist “Danach” eine Geschichte der Auflehnung, eine Geschichte über eine verbotene Liebe in einem Kontext der fortwährenden Bedrohung. Sehr ausführlich sind alle Geschichten im Lesezirkel des SF-Netzwerks besprochen worden: http://www.scifinet.org/scifinetboard/topic/12348-michael-haitel-hrsg-inzucht-und-die-denkbare-gesellschaft/page__st__120

Zum Lesen für danach:

Die Menschen nahmen auf den Stühlen Platz und Johnson wartete, bis das letzte Rascheln und Hüsteln verstummt war. Er stand vor ihnen, die Hände vor dem Bauch ineinander gelegt, sah sie an, nickte und drehte sich zum Podest um. Er klappte den Laptop auf und schaltete ihn mit einem Fingerdruck ein. Sie warteten. Er hatte sich eine passende Stelle herausgesucht und freute sich auf die Verkündung. Es war für Natascha. Aus den Augenwinkeln beobachtete er sie. Schön war sie. Herangereift und unzufrieden. Sie stellte Fragen. Zu viele Fragen, wie er fand, und er musste eine Lösung finden. Das Licht des Laptops wirkte neben den Kerzen und Öllampen auf dem Podest fremd. Er verzichtete bewusst auf das elektrische Licht. Nur der Laptop und die Worte. Die Melodie erklang, der Laptop war bereit und über das Touchpad führte er den Cursor zur richtigen Stelle. Matthew, gerade neunzehn geworden, reckte den Hals, um sehen zu können. Johnson freute sich. Matthew war sein Schüler und sollte die Verkündung des Wortes lernen. Wie man Strom erzeugte, den Laptop bediente und die Geschichten, die Worte, las.

Eine Word-Datei strahlte in technischem Weiß, er kannte die Worte auswendig, dennoch warf er einen Blick darauf.

„System C, Eigene Dateien, Chronik, Mein Tagebuch“, sprach er laut. Brendan und Lukas freuten sich. „Mein Tagebuch“ hatte er letzten Frühling begonnen aufzubereiten und die ersten Passagen verkündet. Es waren harte Worte. Schonungslos berichteten sie von den letzten Monaten und er hatte keine Hoffnung in ihnen finden können. Waren sie bereit? Er wusste es nicht. Natascha betrachtete ihre Finger, gähnte und seine SchwesterFrau legte ihre Hand auf Nataschas Oberschenkel. Natascha sah auf, sah ihn an und lächelte. Er atmete auf und begann.

„Es ist Sanguins Schlüssel, der über Himmel und Hölle bestimmt, Sanguin. In ihm, im Blute, liegen die Wurzeln des Lebens, des Überlebens. Sie, die Infizierten, transmutieren radikale Proteine, transmutieren, weil sie durch ihre Vielfältigkeit dazu angeregt werden. Ihr biologischer Vorteil der Mutation ist passé und ich will gestehen, dass mich diese Erkenntnis mit Schmerz erfüllt.“

Er hielt inne, bedachte seine Zuhörer mit einem Blick und beobachtete Natascha. Ihre Miene spiegelte nicht die erhoffte Erkenntnis wider. Sie war teilnahmslos. Er kratzte seine Nase und fuhr fort.

„Die Infizierten. Ihr Mangel an Proteinen, ihr neuraler Verfall, die eingeschränkten Vitalfunktionen lassen sie zu dem werden, was sie sind. Hungrig. Zu komplexen Handlungen, zur Sprache, zu Emotionen und zur Reflexion unfähig. Sie folgen einem Erhaltungstrieb, beharrlich, wie Elefantenherden lange und beschwerliche Wanderungen in Gebirgshöhlen auf sich nehmen, um ihren durch die Vegetation verursachten Salzmangel auszugleichen, folgen die Infizierten ihren Proteinquellen.“ Er wartete.

„Ihr wisst von den Elefanten? Die großen, grauen Tiere mit dem …“ Sie nickten und kannten das Tier.

„Gut.“ Er sah zum Laptop und zog den Cursor zur aktuellen Stelle. Er räusperte sich.

„Ähem, ihren Proteinquellen. Und zur Verfolgung ihres Ziels kennen sie keine moralischen Instanzen. Keine Verwandtschaften, keine Freundschaften. Wie aber können wir uns schützen? Wie können wir überleben? Nach Doerks nur durch die direkte Weitergabe des Erbguts einer Linie. Endogene Verwandtschaftssysteme zeigen sich besonders resistent gegen dieses Virus. Südseeethnien, die dieses System leben, haben Überlebensquoten von über neunzig Prozent.“

Er beobachtete eine allgemeine Unruhe in der Gemeinschaft.

„Endogene Verwandtschaftssysteme, so steht es in der Chronik, die Heirat von BruderMann und SchwesterFrau, die Heirat von VaterMann und MutterFrau. Das Zeugen von gesunden Nachkommen ist nur so möglich.“ Er nickte und ließ seinen Blick auf Natascha ruhen. Sie sah ohne eine Regung zurück und hielt seinem Blick stand. Sie hatte denselben Willen wie ihre Mutter. Er lächelte, faltete die Hände zusammen und schloss seinen Vortrag mit einem Gebet.”

Übrigens sind nur noch wenige Bände im Handel (am besten direkt beim Verlag anfragen) erhältlich…