Zehn Meter

 „Zehn Meter“, Asphaltspuren, Ausgabe 16, Dezember 2011, ISSN 1610-773X

Zehn Meter beträgt der Abstand zweier Lichtschalter zwischen der Fahrstuhltür und dem Eingang zur Kellergroßküche einer akutpsychiatrischen Anstalt. Und diese zehn Meter können einem unglaublich langvorkommen…

Diese Geschichte ist zum Teil sehr autobiographisch und ich freue mich sehr, dass der Redakteur Jürgen Olejok sich wieder umgehend mit einer Zusage rückgemeldet hat. Mal sehen, vielleicht gibt es mal wieder eine Lesung!

Bestellt werden kann hier: http://asp.leseattacke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5&Itemid=2

Und reinlesen kann man hier:

„Du kannst nur mit dem Schlüssel den Fahrstuhl holen.“ Walter dreht den Schlüssel, der Fahrstuhl erwacht mit einem Brummen und fährt in den zweiten Stock. Ich nicke und kaue auf meinem Kaugummi. Die erste Nachtwache auf der akutpsychiatrischen Station einer „Anstalt“. Mit Schicht-, Nacht- und Gefahrenzulage kann ich in guten Monaten mit Zweizwei nachhause gehen. Ein halbes Jahr lang und ich bin raus aus dem Gröbsten. Habe ich schon gesagt, dass es mir nicht gut geht? Egal. Der Fahrstuhl hält und Walter kann die Tür zum Fahrstuhl ebenfalls nur mit dem Schlüssel öffnen. Er hält sie auf.

„Jetzt kannst du den Essenswagen reinschieben. Wird ein bisschen eng.“ Ich manövriere den Wagen in die Kabine und schiebe mich in den Spalt zu Walter. Er lässt die Tür zu fallen, drückt auf U und wir fahren nach unten.

Geriatrie

Drogen

Großküche

„Das ist ein bisschen blöd hier.“, sagt Walter und meint den Lichtschalter, der an der Flurwand gegenüber der Fahrstuhltür zu finden ist. Mit einem metallenen Laut schießen Elektronen in ein Gas namens Argon und zitternd erwacht das Licht. Das Zittern erwacht. Waren das die Neubauten? Auf jeden Fall stimmt es bei mir, mir behagt die Dunkelheit nicht und meine Hände werden feucht und ich kaue schneller.

„Du kannst den Wagen jetzt raus schieben.“

Aber er meint ziehen. Wir stehen im Flur, die Spitze meines Essenwagens zeigt auf eine offenstehende, zweiflüglige Metalltür. Silber wie der Wagen.

„Der nächste ist hier rechts hinter der Tür.“ Walter schießt diagonal an mir entlang und tastet hinter der Türöffnung, die mich an den Schlund einer Abenteuerwasserrutsche erinnert, nach einem Lichtschalter.

„Zehn Meter sind das von dem einen Schalter zum nächsten. Die Frauen haben Angst hier unten.“, sagt Walter. Ich auch. Ich habe auch Angst hier unten. Mit dem Wagen folge ich ihm und erwache in der Sterilität einer Großküche. Quadratische Fliesen, eckige Anrichten und der Geruch von Rosenkohl, der nicht verfliegen will. Ich stelle mir Zwerge vor, die die ganzen Verrückten bekochen. Emsig rühren sie, auf Tritten stehend, den Brei, den ich mit Plastiklöffeln in speichelnde Münder führe. Ich nicke.

„Stell den Wagen neben den Frühstückswagen, den holt die Frühschicht Morgen ab.“ Walter deutet mit dem Kopf zu dem anderen Essenswagen.

„Und guck noch mal nach, ob sie das Tor vergessen haben.“ Walter geht drei Schritte vor und reckt den Kopf. Ein Rolltor, es ist geschlossen.

„Alles verstanden?“ Ich nicke.

„Hast du die zehn Meter nachgemessen?“, frage ich ihn.

Er lächelt.

„Ja.“

Irgendwie glaube ich ihm. Wir fahren wieder nach oben.